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Krankenschein online erhalten oder kaufen

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen nimmt nur sehr langsam Fahrt auf – in Situationen wie der aktuellen Pandemie sind digitale und damit kontaktlose Lösungen viel Wert. Besonders gefragt: Die Online-Krankschreibung

Krankschreibungen online ausstellen ist noch neu

Im Mai 2018 wurde auf dem Ärztetag der Apotheker der Grundstein für die Möglichkeit, sich online krankschreiben zu lassen, gelegt. Es wurde eine Neufassung des § 7 Absatz 4 der (Muster-) Berufsordnung für die in Deutschland (MBO-Ä) tätigen Ärztinnen und Ärzte beschlossen, im Dezember 2018 erfolgte die Bekanntmachung. Nun heißt es im § 7 Absatz 4, dass eine „ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien im Einzelfall erlaubt ist, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und die Patientin oder der Patient auch über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt wird".

Krankenschein online kaufen

Im Dezember 2018 ging das Hamburger Start-Up „AU-Schein.de“ online. Die Idee dahinter ist ganz einfach: Wer sich nicht gut fühlt und eine Erkältung hat, spart sich den Weg zum Arzt und lange Wartezeiten. Um die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung online bestellen zu können, braucht es nur eine Anmeldung über die Webseite, auf der ein Formular ausgefüllt wird. Der Nutzer klickt die vorliegenden Erkältungssymptome an und muss andere Risikofaktoren ausschließen. Anschließend werden die persönlichen Daten abgefragt und das Foto der Versichertenkarte abgeglichen. Gegen ein Entgelt von acht Euro wurde dem User die Krankenschreibung per WhatsApp und postalisch zugeschickt.

Zunächst hatte das Start-Up die Krankschreibung ausschließlich per WhatsApp angeboten, was ihm aber vom LG Hamburg (Urteil vom 3.9.2019 – 406 HKO 56/19) untersagt wurde, da die Krankschreibung über WhatsApp auf Grund des amerikanischen Server nicht datenschutzkonform ist.

Wie funktioniert die Krankschreibung online?

Mittlerweile gibt es mehrere Online-Ärzte, deren Abläufe sich ähneln:

au-schein: Nachdem au.schein.de die Krankschreibung per WhatsApp untersagt wurde, haben diese ihr Konzept und die Übermittlung der Daten überarbeitet und sind deshalb wieder mit ihrer Seite online. Der Nutzer klickt sich durch ein Online-Formular, in dem er verschiedene Symptome zu der vermuteten Erkrankung findet. Nach dem Ausfüllen schickt er das Formular ab und erhält seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) als PDF oder /und per Post.

teleclinic: Hier findet eine Videokonsultation statt. Zuvor hat der Nutzer in der Anwendung Auskunft über seine Gesundheit und sein Anliegen gegeben. Zu einem verabredeten Termin findet ein Video-Call statt, in dem ein Online-Arzt genau abklärt, welche Schritte im jeweiligen Fall zu gehen sind. Je nach Ergebnis kann eine Krankschreibung, eine Überweisung oder die Ausgabe eines Rezepts verabredet werden.

kry: Der Nutzer lädt sich die Kry-App herunter. Möchte er sich online krankschreiben lassen, gibt er seine Beschwerden in einem Formular an und wählt einen Wunschtermin für eine Online-Videokonsultation. In der Video-Sprechstunde wird dann besprochen, ob eine Krankschreibung oder / und eine Überweisung zu einem Facharzt notwendig ist. Zudem gibt es die Möglichkeit, sich ein Rezept ausstellen zu lassen.

Rechtliche Grundlage für Online-Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

Das Kaufen einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist durch Änderungen in der Musterberufsordnung der Ärzte (MBO-Ä) und weitreichenden Lockerungen in der Berufsordnung der Landesärztekammer Schleswig-Holstein möglich geworden. Bereits im April 2018 beschloss man in Schleswig-Holstein die Lockerung des § 7 Absatz 4 der (Muster-)Berufsordnung, die bisher einen persönlichen Erstkontakt zwischen Ärzten und Patienten vorsah. Nun ist auch „eine Beratung oder Behandlung ausschließlich über Kommunikationsmedien erlaubt, wenn diese ärztlich vertretbar und ein persönlicher Kontakt mit der Patientin oder dem Patienten nicht erforderlich ist", so die Landesärztekammer in einer Erklärung.

Im Mai 2018 wurde auf dem 121. Deutschen Ärztetag in Erfurt zudem eine bundesweitere Lockerung des Fernbehandlungsverbotes beschlossen. In der neuen Fassung heißt es in § 7 Absatz 4 nun, dass eine „ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien im Einzelfall erlaubt ist, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und die Patientin oder der Patient auch über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt wird".

Online-Krankschreibung nur bei bestimmten Erkrankungen

In der Neufassung des § 7 Absatz 4 MBO-Ä wird die Nutzung von Fernbehandlungen dahingehend eingeschränkt, dass die Anwendung „ärztlich vertretbar“ sein muss. Deshalb kann eine Online-Krankschreibung- und Behandlung aktuell nicht bei schwerwiegenden Erkrankungen und Vorerkrankungen genutzt werden.

Zu den gängigen Erkrankungen, für die es eine AU online gibt, gehören die folgenden:

  • Covid-19 Risiko
  • Grippe
  • Magen-Darm-Grippe
  • Erkältung
  • Regelschmerzen
  • Rückenschmerzen
  • Stress
  • Migräne
  • Blasenentzündung
  • Durchfall

Welche Kosten fallen für eine Online-Krankschreibung an?

Bei au-schein kostet das Ausstellen eines Rezepts als PDF 14 Euro. Wer das Rezept auch per Post erhalten möchte, zahlt zuzüglich 8 Euro, Privatversicherte müssen zusätzlich gemäß der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) zusätzlich rund 16 Euro bezahlen.

Beim Anbieter teleclinic kostet die Sprechstunde mit dem Online-Arzt inklusive der Online-AU mindestens 37,54 Euro. Es können durch Wochenend, Nacht- und Feiertagszuschläge weitere Kosten anfallen. Ähnliches gilt für den Anbieter kry. Hier kostet die notwendige Video-Sprechstunde abhängig von der tatsächlichen Leistung wochentags zwischen rund 30 und 32 Euro zuzüglich 5,36 Euro für die Online-Krankschreibung. Weitere Kosten entstehen auch hier am Wochenende und an Feiertagen.

Die Kosten für die Online-Krankschreibung können sich Privatversicherte gegen Vorlage der Rechnung bei Ihrer Krankenkasse erstatten lassen. Gesetzlich versicherte müssen bis auf weiteres die Kosten allein tragen.

Sind auch bei Verdacht auf das Coronavirus Online-Krankschreibungen möglich?

Der Anbieter au-schein bietet für alle Personen, die in den vergangenen 14 Tagen Kontakt zu einer infizierten Person hatten oder sich in einem besonders stark betroffenen Länder wie etwa China oder Italien aufhielten, eine kostenfreie Online-Krankschreibung an. Die weitere Anbieter kry und teleclinic bieten für potentielle Corona-Erkrankte kostenfreie Video-Sprechstunden an, die Krankschreibung bleibt weiterhin kostenpflichtig.

Müssen Arbeitgeber die Online-Krankschreibung akzeptieren?

Die Krankschreibungen werden von approbierten Ärzten ausgestellt, die dazu berechtigt sind, in Deutschland als Arzt tätig zu sein. Von daher gibt es keinen Grund, die Echtheit der Online-Krankschreibung anzuzweifeln. Dennoch gibt es Zweifel, ob Arbeitnehmer diesen vermeintlich leichteren Weg, um an eine Krankschreibung zu kommen, nicht ausnutzen werden.

Rein formal sind die Online-Krankschreibungen in Ordnung, doch ob dies ein ausreichender Nachweis für die Arbeitsunfähigkeit ist, daran können Arbeitgeber berechtigte Zweifel haben. Arbeitgeber können zum Beispiel den Arbeitnehmer dazu auffordern, bei der nächsten Krankschreibung persönlich einen Arzt aufzusuchen.

Ob die Online-Krankschreibung vor Gericht die gleiche Beweiskraft hat, wie eine konventionelle Krankschreibung kann auch das Bundesgesundheitsministerium nicht genau beantworten. Sie weisen auf den hohen Beweiswert einer ordnungsgemäß ausgestellten Papierbescheinigung hin, nehmen aber keine Stellung dazu, ob ein PDF-Dokument ebenfalls diesen Beweiswert hat.

Besonderheiten in der Corona-Krise

Gerade in der momentanen Situation bietet sich die Kranschreibung über eine Ferndiagnose an. Das haben sich auch die gängigen Portale zur Online-Krankschreibung zu Nutzen gemacht. Der Anbieter au-schein.de wirbt zum Beispiel mit einer „AU im Kampf gegen Coronavirus“. Die Krankschreibung soll 14 Euro kosten und ist „für alle Patienten, die in den letzten 14 Tagen in einem Risikogebiet oder Infizierten-Kontakt waren, wenn Telearbeit unmöglich ist (für freiwillige häusliche Quarantäne bis zu 14 Tage)“.

Teleclinic wirbt sogar mit einer kostenlosen Krankschreibung bei Corona Symptomen wie Fieber, Husten, Kopfschmerzen oder Atembeschwerden. Aber nicht nur die Portale haben den Wunsch auf eine Ferndiagnose erkannt, sondern auch Ärzte durften vorrübergehen telefonisch ihre Patienten krankschreiben. Diese Ausnahmeregelung galt allerdings nur bis zum 20. April.

Wenn Sie Schwierigkeiten mit der Anerkennung Ihrer Online-Krankschreibung haben, dann nutzen Sie gern die Erstberatung von KLUGO. Sprechen Sie mit einem Anwalt über Ihr Anliegen und erfahren Sie, welche Möglichkeiten Sie haben.

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